Chemieindustrie hautnah

Ein Besuch im Bayerwerk

Jetzt hatten wir, die Chemie-Leistungskurse von Herrn Gellermann und Herrn Horstmann, die Gelegenheit, das Bayerwerk in Wuppertal zu besuchen. Unser Ziel war es, einen Einblick in die Herstellung des pharmazeutischen Wirkstoffs Acarbose, der im Medikament Glucobay verwendet wird, zu erhalten. Dieser Besuch bot uns die Möglichkeit, ein realistisches Bild der Chemieindustrie und ihrer Prozesse zu gewinnen. Um am Besuch teilnehmen zu können, war das Absolvieren eines Sicherheitstrainings von Bayer erforderlich. Erstaunlicherweise hatte bis zum Tag des Besuchs nur eine Person dieses Training noch nicht abgeschlossen. Glücklicherweise konnte Gabriel dieses Training noch vor dem Eintreffen am Werk erfolgreich beenden.
Zum Bayerwerk fuhren wir mit der Schwebebahn, der einzigen ihrer Art in Deutschland. Im Werk wurden wir in einem
Konferenzraum mit einer Auswahl an Getränken empfangen. Kurz darauf traf der Standortleiter der Wuppertaler Abteilung ein und präsentierte uns die Werte von Bayer, die globalen Standorte des Unternehmens, dessen jährlichen Umsatz und viele weitere Aspekte. Dies gab uns einen umfassenden Überblick über das Unternehmen und was uns erwarten würde.
Anschließend wurden wir in zwei annähernd gleich große Gruppen aufgeteilt. Während eine Gruppe mit der  Reinigungsabteilung begann, startete meine Gruppe in der Abteilung für Fermentierung. Ausgestattet mit Helm, Schutzbrille
und Schutzkittel ging es los.
Unsere erste Station im Fermentierungsgebäude war das Labor, das eine entscheidende Rolle in der Herstellung von Acarbose spielt. Hier werden die Bakterienkulturen tiefgefroren gelagert. Nach dem Auftauen stehen etwa 5 ml Bakterien zur Verfügung. Zunächst wird überprüft, ob die Bakterien ungewollte Mutationen aufweisen, da dies das Produkt ruinieren könnte. Im Labor werden aus diesen 5 ml bereits etwa 3 Liter Bakterienkultur angelegt.
Danach besuchten wir den Bereich zur Aufarbeitung des Nährmediums, wo verschiedene Zutaten wie Kalk und Protein  gelagert werden. Hier sahen wir den ersten von mehreren 80.000-Liter-Behältern, in denen die Zutaten für das Nährmedium
gemischt und durch Erhitzung sterilisiert werden.
Die nächste Station befand sich ein Stockwerk höher in einem Raum, der im Sommer bis zu 40°C heiß werden kann, was für
eine schnellere Vermehrung der Bakterien nützlich ist. Dieser Raum enthielt weitere große Behälter und viele Leitungen für
verschiedene Chemikalien, einschließlich Natriumhydroxid zur Sterilisierung der Behälter. Ein Kontrollraum auf dieser Etage
ermöglichte die Überwachung aller Prozesse, einschließlich pH-Wert, Temperatur, Druck und Sauerstoffgehalt, um optimale
Bedingungen für die Bakterien sicherzustellen.
Die Fermentation dauert insgesamt etwa 36 Stunden, in denen aus 3 Litern Bakterienkultur 80.000 Liter werden. Während dieser Zeit wandeln die Bakterien das Nährmedium in Acarbose um. Am Ende der 36 Stunden wird der Vorgang gestoppt, was bedeutet, dass die Bakterien fast das gesamte Nährmedium in Acarbose umgewandelt haben. Dies ergibt etwa eine Tonne Acarbose in 80 Kubikmetern Flüssigkeit, die dann zur Reinigungsabteilung weitergeleitet wird.
Nach einem Abteilungswechsel mit der anderen Gruppe waren wir nun in der Reinigungsabteilung, wo die Acarbose von der
Flüssigkeit getrennt wird. Der erste Schritt besteht darin, die 80 m³ auf zwei 40 m³ Behälter aufzuteilen. Mithilfe von Aktivkohle
und Adsorberharzen wird die Acarbose entfärbt und in größere Klumpen umgewandelt. Das Harz kann nach dem Prozess fast vollständig recycelt werden. Durch weitere Schritte wird die Acarbose weiter konzentriert, und im letzten Schritt werden die Acarbose-Kristalle zwischen zwei Walzen zu einem feinen Puder verarbeitet.
Täglich werden in dieser Abteilung etwa eine Tonne Acarbose hergestellt, was jährlich etwa 300 Tonnen ergibt. Nachdem beide Gruppen ihre Führungen beendet hatten, gab es ein schnelles Gruppenfoto und wir kehrten zum Konferenzraum zurück. Dort wurden Essen und weitere Getränke für uns bereitgestellt. Nach einer abschließenden Fragerunde ging es mit dem Zug wieder nach Hause.